TransVer Get-together – Rückblick auf ein Jahr TransVer

Am 6.9.2018 fand unsere erste Jubiläumsfeier statt. Sie bot unseren Gästen einen umfassenden Einblick in unsere bisherige Arbeit. Psychosoziale Fachkräfte erläuterten, warum sie „TransVer“ für Ihre Arbeit nutzen und in einer Diskussionsrunde wurde der Bezug von „TransVer“ zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen hergestellt.

Frau Dr. Simone Penka, die Projektleitung von „TransVer“, eröffnete das Get-together mit einer Rede.

Die gesamte Rede finden Sie hier. Hier einige Auszüge:

„(…) Nun stehen wir heute hier, und ich kann Ihnen sagen: unser ganzes Team ist sehr stolz, Ihnen heute unsere Ergebnisse des ersten Jahres von „TransVer“ vorstellen zu können.

Unsere Ergebnisse und Zahlen bestärken uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind und eine Öffnung der psychosozialen Versorgung für alle Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte, auch den vermeintlich schwierigen, durchaus möglich ist- im Sinne von „Der stete Tropfen höhlt den Stein.“

In einer von Migration und Vielfalt geprägten Gesellschaft ist es notwendig, die bestehende Versorgungslandschaft nachhaltig zu stärken, zu unterstützen und zu öffnen, um allen Bevölkerungsgruppen, auch zukünftigen Migrant*innen und Geflüchteten aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern und mit unterschiedlichsten Muttersprachen, und die wird es mit Sicherheit geben, gerecht werden zu können. Dass das gelingen kann, darin sind wir uns sicher- das erkennen wir auch nach dem ersten Jahr unserer Arbeit. Ob wir über die Projektlaufzeit bis Ende 2019 tätig sein können, liegt nicht in unserer Hand- wir würden uns wünschen, dass der Bedarf nach „TransVer“ bei Verantwortlichen erkannt und eine Verstetigung ermöglicht wird.“

Eine zentrale Vision, an der wir weiterhin festhalten, ist „TransVer“ als Anlaufstelle für alle Berliner*innen- das hat den Grund, dass auch Nicht-Migrant*innen und Nicht-Geflüchtete teils Schwierigkeiten beim Zugang zu Versorgungseinrichtungen haben, wie erst kürzlich eine Studie zur Gesundheitskompetenz von Menschen in Deutschland gezeigt hat. (…)“

 

Im Anschluss an die Rede von Frau Dr. Simone Penka richtete Hr. Staatssekretär Boris Velter der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung Worte an die Runde. Er nutzte die Gelegenheit vor allem, um den psychosozialen Fachkräften ein großes Lob für ihr Engagement und ihre aufgrund der zum Teil großen psychischen Belastungen von Menschen mit Fluchtgeschichte wertvolle und schwere Arbeit auszusprechen.

 

 

Erfahrungen mit „TransVer“ aus Sicht von psychosozialen Fachkräften

Im Anschluss kamen psychosoziale Fachkräfte zu Wort, die berichteten, welche Angebote von „TransVer“ sie bisher in Anspruch genommen haben und welcher Nutzen dies dabei für sie hatte.

Elisabeth Scholz-Yildiz (Psychosoziale Initiative Moabit e.V., Mobile Beratung Geflüchtete und aktuell Zuverdienst für Geflüchtete) nutzt mit ihrem Team die Beratungs- und Vermittlungsangebote für Klient*innen, Fortbildungen und Workshops für Fachkräfte und insbesondere die Fallsupervision seit bereits nahezu einem Jahr. Das Team schätzt die engmaschige Zusammenarbeit zwischen „TransVer“ und den mobilen KBSen, den kollegialen Umgang, die Expertise, die sich bei „TransVer“ findet, sowie die Rassismus- & kultursensible Beratung.

Sandra Langner (TRIANGEL gUG, Leiterin BEW Treptow-Köpenick) erklärt, dass sich häufig im Regelsystem niemand verantwortlich fühle für Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte. Auch in den Steuerungsrunden herrsche häufig noch Angst und Unsicherheit vor und insgesamt traue man sich wegen den Sprachbarrieren  und Unklarheiten  nicht an jene Zielgruppe heran. Sie ist zufällig über einen Verteiler über die Psychiatriekoordinatorin ihres Bezirks auf „TransVer“ gestoßen und war von Anfang an sehr angetan, unter anderem weil die Fortbildungsangebote von „TransVer“ kostenlos sind und sie so Mitarbeitende ganz unkompliziert dorthin schicken kann. Es habe nur zwei Fortbildungen gedauert, die Angst vor der Arbeit mit Menschen mit geringen deutschen Sprachkompetenzen zu nehmen. Die Auseinandersetzung habe den Mut gebracht, sich um diese Menschen zu kümmern. Über den Kontakt zu „TransVer“ hätten sie nun auch einen Klienten mit geringen Deutschkompetenzen zugesteuert bekommen. Es sei unkompliziert, bei „TransVer“ notwendige Informationen bzw. Tipps zu erhalten. Eine kürzliche Anfrage an „TransVer“ bzgl. migrationssensibel arbeitenden Psychiater*innen hätte sofort zum Erfolg geführt: es konnte daraufhin sehr schnell bei einem Psychiater ein Termin vereinbart werden. Sie ist froh und dankbar, zusammen mit „TransVer“ diesen Weg gehen zu können und von dem Netzwerk, das hierüber entsteht, profitieren zu können.

Ein Mitarbeiter einer Unterkunft für Geflüchtete erzählt, dass in Momenten der Verzweiflung in seinem Büro und bei besonderen Fällen „TransVer“ inzwischen die erste Anlaufstelle für ihn geworden sei. Denn „TransVer“ schließe die Versorgungslücke zwischen Krankenhäusern und Unterkünften, wenn sich keiner zuständig fühlt. Er nehme für seine Klient*innen vor allem die Vermittlung in psychiatrische Einrichtungen oder Psychotherapie wahr und hat das Gefühl, dass diese bei „TransVer“ sehr gut aufgehoben seien. „Keiner kommt mehr bzgl. dieses Themas zu mir zurück.“ Er schätzt sehr, dass die Terminvergabe bei „TransVer“ so unkompliziert und schnell von statten geht und dass die Berater*innen in jeder Sprache arbeiten können.

Annika Huhn (PROTHEGE – Projekt „Therapie für Geflüchtete“ der Berliner Akademie für Psychotherapie und Psychologische Hochschule Berlin) erklärt, dass PROTHEGE aufgrund der Struktur des Projektes nur Personen aufnehmen könne, die nicht zu sehr beeinträchtigt sind, z.B. nicht suizidal sein dürfen. Dies hängt damit zusammen, dass PROTHEGE nur Kurzzeittherapien anbietet. In der Zusammenarbeit mit „TransVer“ gelänge dies sehr gut, denn „TransVer“ nehme ein erstes Screening der Klient*innen vor und vermittelt geeignete Personen dann an PROTEGHE weiter. Das hätte Ihnen sehr viel genützt. Sie schätzt den kollegialen Umgang und die zügige Zusammenarbeit mit „TransVer“. Sie spricht die Netzwerkbörse NETWORK NOW! an, die im April 2017 stattfand und bezeichnet diese als motivierendes und empowerndes Schlüsselerlebnis.

Ein Mitarbeiter der mobilen KBS bezeichnet „TransVer“ als eine massive Erleichterung für seinen Arbeitsalltag sowohl in den verschiedenen Unterkünften, in denen er gearbeitet hat, als auch in seiner jetzigen Arbeit. „TransVer“ sei für ihn ein „geöffnetes Fenster der Hoffnung“ und er schätzt die kultursensible und effektive Arbeit sehr. Er nutzt das Fortbildungs- und Workshop-Angebot sowie die „TransVer“- Lounge, weil man sich dort gut kennen lernen kann und miteinander in Austausch tritt. Er betont die Wichtigkeit der Netzwerkarbeit, die „TransVer“ leistet. Für den Fall, dass einzelne Klient*innen bspw. Umziehen, wisse man so, wo in den anderen Bezirken gute Leute sitzen, an die man sich wenden könne. Mittels der von „TransVer“ geleisteten Netzwerkarbeit konnte er bereits auf Kontakte zurückgreifen. „TransVer“ ist für ihn ein wichtiges „Fenster der Hoffnung“, das unbedingt geöffnet bleiben müsse.

 

Gesprächsrunde mit Perspektiven aus Politik, Wissenschaft & Fachstellen

Moderiert von Prof. Dr. Ulrike Kluge (Mit-Projektinitiatorin „TransVer“ und stellv. Leitung)

  • Herr Lahusen (Leiter Sozialpsychiatrischer Dienst (SpD) Mitte)
  • Andrea Piest (Einrichtungsleitung Drogennotdienst – Guidance: Suchtberatung für Geflüchtete)
  • Prof. Dr. Manuela Bojadzijev (stellvertretende Leitung des Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM))

Ulrike Kluge: Die Arbeit von „TransVer“ wird zuweilen mit der des SpD verglichen. Was ist der Unterschied zwischen „TransVer“ und dem SpD? Ist „TransVer“ ein Zugewinn für den SpD?

Herr Lahusen: Das Aufgabenfeld, das „TransVer“ abdeckt, wäre natürlich eigentlich eine Aufgabe des öffentlichen Dienstes und des SpD. Aber weil letzterer nicht die notwendigen Ressourcen hat, stellt „TransVer“ eine enorme Erleichterung unserer Arbeit dar. Es besteht auch definitiv keine Gefahr, dass der SpD obsolet werden würde, bei dem hohen Bedarf ist es eine tolle Ergänzung der Arbeit des Sozialpsychiatrischen Dienstes.
Einige Regelungen, die bezüglich der Versorgung Geflüchteter vorgenommen wurden, sind wie zum Beispiel die Geburtsdatenregelung für die Geflüchteten und für Außenstehende nicht unmittelbar verständlich . Bei „TransVer“  wie bei allen nicht öffentlichen Diensten, kann so etwas vernachlässigt werden und mit den viel besseren Ressourcen können viel umfassende Hilfsangebote gemacht werden Flucht ist kein freiwilliger Akt, ganz im Gegenteil. „TransVer“ greift hier in einem Moment in die Versorgung Geflüchteter ein, der notwendig dafür ist, eine sequenzielle Traumatisierung nach Möglichkeit zu vermeiden, so dass die Menschen überhaupt erst ankommen können. Diese präventive Hilfe kann der ÖGD nicht leisten.

Ulrike Kluge: Genau, „TransVer“ schreibt sich die Beratung und Prävention auf die Fahne, nicht die Notfallversorgung.

Guidance bietet seit 2016 Suchtberatung für Geflüchtete an und ist in diesem Zusammenhang auch eine Anlaufstelle für Angehörige, Fachkolleg*innen und Multiplikator*innen. Aus ihrer bisher zwei-jährigen Erfahrung: Wie sind ihre Erfahrungen in Bezug auf die interkulturelle Öffnung der Suchthilfe bzw. der psychosozialen Versorgung? Was macht für Sie „TransVer“ relevant und wie schätzen Sie unsere Arbeit ein?

Andrea Piest: Wir in der Suchtberatung erfahren immer wieder, dass bei diesem Klientel die Substanzabhängigkeit nicht im Vordergrund steht, sondern dass es um andere psychische Erkrankungen wie PTSD etc. geht oder auch einfach ganz andere Bedingungen vorherrschen. Geflüchtete konsumieren Substanzen vielleicht eher, um traumatischer Erfahrungen zu kompensieren. Früher war für uns immer die Frage, ob man all diese Personen dann zum SpD vermitteln solle – aber wie, ohne Sprachressourcen und interkulturelle Öffnung? Am Anfang konnten viele Leute genau deshalb überhaupt nicht vermittelt werden. „TransVer“ ist da ein großer Zugewinn, denn wir haben damit einen Partner an unserer Seite, der ähnlich pragmatisch arbeitet und genau diese Versorgungslücke schließt.
Das mit der interkulturellen Öffnung ist tatsächlich so eine Sache… in ganz vielen Institutionen ist das einfach nicht gegeben, z.B. für Entgiftungen. Da ist ganz klar für diese Menschen keine Versorgung möglich. Und genau deshalb braucht es Projekte wie „TransVer“ und Guidance, die auch fragen: Was braucht die Regelversorgung, um die interkulturelle Öffnung zu ermöglichen und zu vollziehen? Oder Multiplikator*innen zu Themen wie Supervison, Sprachmittlung etc. ausbilden.

Ulrike Kluge: Genau das ist es, die richtige Balance zwischen Reflektion & Pragmatismus…
Wie ist denn Ihre Einschätzung aus dem wissenschaftlichen Blickwinkel, in wieweit ein Projekt wie „TransVer“ einen Beitrag zum Abbau von gesellschaftlichen Barrieren wie Überforderung, Vorurteile, Diskriminierung etc. leisten kann.

Manuela Bojadžijev: Es bedarf einem sachlichen, pragmatischen und zugleich parteilichen Umgang mit dem Thema Migration. „TransVer“ erscheint mir wie das Idealprojekt für eine relevante der Gesellschaft zugewandte Wissenschaft, die ihre Kenntnisse in Praxis umsetzt und jenen zur Verfügung stellt, die sie am meisten benötigen. Die Verachtung gegenüber solchen bewundernswerten zivilgesellschaftlichen Anstrengungen, drückt sich in den rechtextremen Aufmärschen in Chemnitz im September 2018 aus, von denen ich mir vor Ort ein Bild gemacht habe, aber kommt auch in der gesellschaftlich anheizenden und Migration skandalisierende öffentlichen Debatte zum Ausdruck. Gerade deshalb bin ich ganz besonders beeindruckt von Projekten wie „TransVer“.
„TransVer“ ist wissenschaftlich gestützt Projektarbeit. Zugleich ist es die Arbeit von „TransVer“, die wiederum erfahrungsgesättigt zurück in die Wissenschaft wirkt. Es ist die gesamtgesellschaftliche Perspektive des Projektes, die von besonderer Relevanz ist. Sie fragt danach, welche Bedarfe Menschen in dieser Stadt haben, welche Infrastrukturen geschaffen werden müssen, um ein demokratisches Miteinander zu ermöglichen. Diese Fragen und ihre vielen Antworten ergeben sich in der praktischen Arbeit oftmals überhaupt erst und können so aus der Praxis dann wieder zurück in die Wissenschaft getragen werden. Migration ist in diesem Sinne eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die sich nicht nur für Migrant*innen ergibt, sondern für uns alle als Chance der demokratisierenden Veränderung stellt.

 

Ergebnisse und Zahlen – Erstes Jahr „TransVer“

Von Oktober 2017 bis Juli 2018 hat „TransVer“ 231 Klient*innen beraten.

Im Durchschnitt hatten unsere Klient*innen drei persönliche Kontakte mit Mitarbeitenden von „TransVer“.

74% der Klient*innen wurden zu unterschiedlichsten Einrichtungen vermittelt.

86% der vermittelten und abgeschlossenen Fälle sind auch nach 6-8 Wochen in der vermittelten Stelle angebunden.

In Bezug auf unsere Klient*innen war ein Zusammenhang zwischen dem Grad an Deutschkenntnissen und dem Ausmaß von Depression und Suizidgedanken aufzufinden.

515 Teilnehmende haben unsere Angebote für psychosoziale Fachkräfte genutzt. Sie kamen aus allen Bezirken Berlins und aus vielfältigen Arbeitsfeldern.

Die Evaluation der Fortbildungen zeigte eine hohe Zufriedenheit der Teilnehmenden.

Die kollegiale Fallberatung bietet psychosozialen Fachkräften zum einen die Möglichkeit, sich bei „TransVer“ über die psychosoziale Versorgungsmöglichkeiten und Zugangswege zu informieren. Viele Fallberatungen haben aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen und aufgrund belastender Situationen im jeweiligen Arbeitsfeld einen intervisorischen Charakter. Auch dieses Angebot wird mit steigender Tendenz genutzt.

 

Zeit zum Austausch und genaueren Betrachtung der dargestellten Ergebnisse

Danach hatten alle Gäste die Möglichkeit, sich die vielfältigen, auf Postern dargestellten Ergebnisse der Arbeit aus dem ersten Jahr „TransVer“ anzuschauen und sich von den Kolleg*innen von „TransVer“ erläutern zu lassen.

Derzeit erarbeiten wir eine Broschüre mit unseren Ergebnissen. Bei Interesse hieran wenden Sie sich gern an uns.

Außerdem gab es Zeit und Raum für Gespräche sowie leckeres Essen bei musikalischer Begleitung durch die Band „Christians Nachbarn“.

Auch Hr. Staatssekretär Tietze der Senatsverwaltung für Integration und Migration machte sich einen Eindruck von unserer Arbeit.

Alle Gäste nutzten die Gelegenheit zum Austausch.

Das Team von „TransVer“ freut sich über die gelungene Veranstaltung und bedankt sich für das große Interesse aller Gäste.